Vom Hochziehen zu den ersten Schritten: Wie Eltern richtig begleiten
Share
Erst zieht sich dein Kind am Sofa hoch. Dann wandert es seitlich am Couchtisch entlang. Und plötzlich steht die Frage im Raum: Sollen wir jetzt beim Laufen helfen – oder lieber möglichst wenig eingreifen?
Viele Eltern sind in dieser Phase unsicher. Schließlich möchte man Sicherheit geben, ohne dem Kind jede Bewegung abzunehmen. Genau darum geht es bei den ersten Schritten: nicht darum, das Laufen zu beschleunigen, sondern Bedingungen zu schaffen, in denen ein Kind selbst ausprobieren kann.
Es geht nicht nur darum, ob dein Kind schon läuft
Die spektakulären Momente bleiben im Gedächtnis: zum ersten Mal frei stehen, zwei Schritte bis zum Sofa, plötzlich quer durchs Wohnzimmer laufen. Motorisch interessant sind aber oft die viel kleineren Dinge davor.
Achte einmal darauf:
- Zieht sich dein Kind selbstständig hoch?
- Kann es sich wieder kontrolliert hinsetzen?
- Bewegt es sich seitlich an Möbeln entlang?
- Wechselt es zwischen verschiedenen Möbelstücken?
- Versucht es manchmal, kurz eine Hand loszulassen?
All das sind Erfahrungen mit Gleichgewicht, Kraft und Körperkontrolle. Deshalb hilft der Vergleich mit anderen Kindern meist wenig. Viel spannender ist die Frage: Was kann mein Kind heute, was vor einigen Wochen noch schwierig war?

Wann helfen – und wann einfach abwarten?
Das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage dieser Phase. Wenn ein Kind wackelt, möchten wir automatisch zugreifen. Manchmal ist das nötig. Manchmal fehlt aber nur ein kleiner Moment, damit es selbst eine Lösung findet.
Es probiert ruhig weiter.
→ Bleib in der Nähe und gib ihm Zeit.
Es möchte etwas erreichen, kommt aber nicht weiter.
→ Verändere lieber die Umgebung ein wenig, statt die Bewegung komplett zu übernehmen.
Es wirkt müde, überfordert oder befindet sich in einer unsicheren Situation.
→ Jetzt ist Unterstützung sinnvoll.
Gerade beim Laufenlernen ist „helfen“ also nicht immer gleichbedeutend mit Festhalten. Manchmal bedeutet Hilfe einfach, einen gefährlichen Gegenstand wegzustellen oder das nächste Möbelstück etwas näher heranzurücken.
Der 5-Minuten-Check fürs Wohnzimmer
Bevor man über zusätzliches Spielzeug nachdenkt, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Umgebung. Oft lässt sich mit wenigen Veränderungen bereits viel erreichen.
- Gibt es stabile Möbel, an denen sich dein Kind hochziehen darf?
- Sind die Wege kurz genug, um von einer sicheren Stütze zur nächsten zu gelangen?
- Ist genügend Boden frei, damit Hinsetzen und Krabbeln jederzeit möglich bleiben?
- Sind Teppiche und kleine Möbel rutschfest?
- Sind Treppen, Kabel und leicht kippende Möbel abgesichert?
Die Wohnung muss dafür nicht wie ein Bewegungsraum aussehen. Im Gegenteil: Gerade Alltagssituationen sind interessant, weil Kinder selbst entscheiden können, ob sie krabbeln, stehen, sich festhalten oder eine Pause machen möchten.

Warum wird plötzlich jeder Wäschekorb geschoben?
Viele Eltern kennen diese Phase: Ein Stuhl wandert durch die Küche, der Wäschekorb durchs Schlafzimmer und selbst eine Spielzeugkiste wird plötzlich zum Transportmittel.
Dahinter steckt ein ziemlich spannendes Experiment. Ein Kind entdeckt: Wenn ich meinen Körper einsetze, kann ich etwas in Bewegung bringen. Gleichzeitig muss es Kraft, Richtung, Widerstand und Gleichgewicht koordinieren.
Schieben ist nicht nur „Laufen üben“. Es ist eine eigene Erfahrung mit Bewegung, Kraft und Ursache und Wirkung.
Wenn dein Kind bereits sicher hochkommt und sich an Möbeln entlangbewegt, kann deshalb auch ein stabiler Montessori Lauflernwagen mit Motorikspielen eine interessante Erweiterung sein. Nicht als Abkürzung zum freien Laufen, sondern als etwas, das dein Kind aus eigenem Antrieb schieben und erkunden kann.
Wenn Lauflernwagen, dann bitte nicht nur für die ersten Schritte
Hier lohnt sich ein Gedanke, der beim Kauf leicht untergeht: Die Phase, in der ein Kind wirklich Unterstützung beim Schieben interessant findet, ist begrenzt. Das Spielzeug selbst sollte danach aber nicht automatisch langweilig werden.
Eine bessere Kauf-Frage lautet deshalb:
„Was wird mein Kind mit diesem Wagen machen, wenn es längst sicher durch die Wohnung läuft?“

Hier können die Interessen des Kindes wichtiger sein als die Anzahl der Funktionen.
Mag dein Kind Klänge, Drehen und kleine Ursache-Wirkungs-Spiele, kann ein Holz-Lauflernwagen mit Xylophon und Motorikelementen auch später noch zum Sitzen und Entdecken interessant bleiben.
Beginnt dein Kind dagegen damit, Erwachsene beim Schrauben, Reparieren und Bauen nachzuahmen, passt möglicherweise eher ein Motorikwagen mit integrierter Werkbank .
Andere Kinder beschäftigen sich besonders gern mit ihrem Spiegelbild, beweglichen Elementen und kleinen Mechanismen. Dann kann ein Lauflernwagen mit Spiegel und Busy-Board-Elementen länger interessant bleiben als ein reiner Schiebewagen.
Drei Dinge sind wichtiger als möglichst viele Funktionen
Der Wagen sollte beim Hochziehen und Schieben zuverlässig stehen.
Das Rollverhalten sollte nicht schneller sein als das Kind.
Auch nach den ersten Schritten sollte es noch etwas zu entdecken geben.
Am Ende braucht es vor allem Zeit
Bei den ersten Schritten gibt es erstaunlich wenig, das Eltern aktiv „beibringen“ müssen. Viel wichtiger sind sichere Möglichkeiten zum Ausprobieren und die Freiheit, auch einmal wieder auf allen vieren weiterzumachen.
Manchmal braucht dein Kind deine Hand. Manchmal nur ein stabiles Sofa. Und manchmal möchte es zehnmal denselben Wäschekorb durchs Wohnzimmer schieben.
Vielleicht ist genau das die hilfreichste Haltung in dieser Phase: nicht fragen, wie wir den nächsten Schritt beschleunigen können – sondern beobachten, welchen Schritt das Kind gerade selbst machen möchte.